Sichere Spitzenmedizin ist Teamleistung
Am ersten internationalen «Trusted Surgery»-Kongress in Bern wurde eine zentrale Erkenntnis präsentiert: Strukturierte intraoperative Briefings können die Sterblichkeit nach Operationen signifikant senken. Das unterstreicht, wie entscheidend verlässliche Teamarbeit im Operationssaal für die Patientensicherheit ist.
Im Operationssaal entscheidet nicht allein die technische Präzision über das Ergebnis. Ebenso wichtig ist, wie verlässlich ein Team unter Druck kommuniziert, Aufgaben koordiniert und gemeinsam handelt. Genau darum ging es am 26. Mai 2026 am ersten internationalen «Trusted Surgery»-Kongress im sitem-insel in Bern.Führende Fachleute aus Chirurgie, Pflege, Anästhesie, Psychologie, Designlehre und Datenwissenschaft diskutierten, wie sich Teamarbeit im OP gezielt verbessern lässt. Ein Höhepunkt war die erste öffentliche Präsentation der Resultate der multizentrischen StOP?-II-Studie. Die zentrale Erkenntnis ist klar: Kurze, strukturierte Team-Updates während der Operation können die Sterblichkeit nach Eingriffen signifikant senken.
Initiiert hatte den Kongress unter dem Leitthema «Leading Teams to Excellence in the Operating Room» Prof. Dr. med. Guido Beldi (Inselspital, Universitätsspital Bern). Die Referierenden aus der Schweiz, den USA, Grossbritannien, und Deutschland gestalteten ein Programm, das von intraoperativen Briefings über Chancen und Risiken von Performance-Messung bis zu Training, Daten und Design der Arbeitsumgebung reichte. Getragen wurde der Tag unter anderem vom Schweizerischen Nationalfonds, der Insel Gruppe, der Universität Bern, der Stiftung Patientensicherheit Schweiz und sitem-insel; akkreditiert war er mit CME-Credits der Schweizerischen Gesellschaft für Chirurgie und der Schweizerischen Gesellschaft für Anästhesiologie und perioperative Medizin.
Eine unbequeme internationale Bestandsaufnahme
Nach der Eröffnung durch Guido Beldi folgte eine schonungslose Bestandsaufnahme: Paul Barach, MD, MPH (Philadelphia), zeigte auf, wie gross die Herausforderungen in der chirurgischen Versorgung weltweit weiterhin sind: Rund jede:r siebte chirurgische Patient:in erleidet einen Schaden, in einkommensschwächeren Ländern fast jede:r dritte.
Barach machte deutlich, dass die Hauptursachen seit langem bekannt sind: menschliche Faktoren, Führung und Kommunikation. Dennoch würden diese Themen bis heute vielerorts nicht systematisch trainiert. Seinen Ansatz verdichtete er in fünf Begriffen: Trust, Transparency, Truth-telling, Threat Management und Teams. Besonders eindrücklich war sein Verweis auf Daten, die zeigen, wie eng Sicherheit und eine Kultur des Gehörtwerdens zusammenhängen. Sein Fazit: Die Zukunft der Chirurgie gehört nicht den autonomsten, sondern den vertrauenswürdigsten Teams.
Kommunikation unter Druck – der Ursprung des StOP?-Protokolls
Prof. em. Franziska Tschan aus Neuchâtel zeigte, wie aus langjähriger Beobachtungsforschung ein konkretes Instrument für den OP-Alltag entstand. Ihr Team analysierte in rund 760 Beobachtungsstunden bei 167 Patient:innen, wie Ablenkungen und Kommunikation im Operationssaal zusammenwirken. Überraschend war: Nicht die Zahl der Störgeräusche hing mit Wundinfektionen zusammen; entscheidend war hingegen die Art der Kommunikation. Fallfremde Gespräche – vor allem in der Schlussphase, die häufig weniger erfahrene Operierende übernehmen – gingen mit mehr oberflächlichen Wundinfektionen einher. Umgekehrt wirkte fallbezogene Kommunikation in der Hauptphase schützend gegen Infektionen. Auf diesen Beobachtungen aufbauend entwickelte das Team daraus das StOP?-Protokoll: einen kurzen, vom Operierenden initiierten Update, bei dem das ganze Team innehält und sich über den Stand der Operation, die nächsten Schritte und Probleme austauscht und sich anschliessend Raum für Fragen gibt.
Genau dieses Briefing stand im Mittelpunkt der multizentrischen, randomisiert-kontrollierten StOP?-II-Studie, deren erste Ergebnisse Dr. Sandra Keller (Bern) erstmals vorstellte. Die Kernbotschaft: Strukturierte intraoperative Briefings können die Sterblichkeit nach Operationen signifikant senken.
Im weiteren Verlauf des Tages wurde die mögliche Tragweite dieser Erkenntnis mehrfach betont. So rechnete Teodor Grantcharov (Stanford) später überschlagsmässig vor, in der Schweiz lasse sich so ein Leben für rund 250 Franken retten, hochgerechnet ein (wie er betonte: grob geschätztes) Potenzial von mehreren tausend geretteten Leben pro Jahr. Gleichzeitig stellte sich eine ernüchternde Frage: Warum werden wirksame Interventionen nach Studienende im klinischen Alltag so oft nicht konsequent weitergeführt?
Vom Wissen zum Handeln
Evidenz allein verändert noch keinen Alltag. Entscheidend sind Führung, Verbindlichkeit und eine Kultur, in der Teams ohne Angst sprechen können. Prof. Peter McCulloch (Oxford) verwies darauf, dass sich die Patientensicherheit in der Medizin – anders als in Luftfahrt, Militär oder Industrie – über zwanzig Jahre kaum verbessert habe und dass selbst die vielbeworbene WHO-Checkliste im breiten Einsatz unklare Effekte zeige. Gründe seien weniger fehlende Erkenntnisse als mangelnde Umsetzung.
Im anschliessenden, von Prof. Dr. Tanja Manser (Olten) moderierten Roundtable wurde deutlich, unter welchen Bedingungen Sicherheitsmassnahmen im Alltag tatsächlich greifen. Am Beispiel des Kantonsspitals Graubünden zeigte sich, dass hohe Verbindlichkeit vorwiegend dann gelingt, wenn die Leitung vorangeht, regelmässig Feedback gibt und ein gemeinsames Ziel verfolgt. Die Empfehlungen reichten von verpflichtendem «Second Victim»-Support über mehr Verbindlichkeit bis zu Beldis Plädoyer, Sicherheit nicht defensiv als Verhindern seltener Zwischenfälle zu begreifen, sondern als Chance, die Leistung des gesamten Teams im klinischen Alltag zu steigern.
«Let’s make it happen»: messen, trainieren, gestalten
Der Nachmittag richtete den Blick auf die Frage, wie sich gute Teamarbeit konkret fördern lässt – durch Messung, Training, Daten und Gestaltung der Arbeitsumgebung. Prof. Dr. Matthias Weigl (Bonn) ordnete die Determinanten exzellenter Teamleistung ein – von den «Big Five» erfolgreicher Teamarbeit (Führung, gegenseitige Leistungsüberwachung, Teamorientierung, Unterstützungsverhalten und Anpassungsfähigkeit), getragen von Vertrauen, Closed-Loop-Kommunikation und gemeinsamen mentalen Modellen, bis zur Team-Vertrautheit als einem der stärksten Faktoren – und betonte, dass Teamkompetenz aus gutem Systemdesign erwachse. Prof. Teodor Grantcharov (Stanford) veranschaulichte mit der «Operation Blackbox», wie sich Leistung im OP objektiv und kontinuierlich erfassen lässt und wie gross die Lücke zwischen «work as done» und «work as imagined» sein kann – etwa wenn die dokumentierte Checklisten-Compliance über 99 Prozent beträgt, die tatsächliche aber unter 40. Dr. med. Julien Maillard (Genf) berichtete aus dem interprofessionellen Simulationszentrum, in dem Medizin-, Pflege- und weitere Studierende von Beginn an gemeinsam trainieren; sein Ziel sei nicht nur das Bewältigen von Krisen, sondern dass alle «erleichtert und erfüllt» nach Hause gehen. Dr. Hugo Guillen Ramirez (Bern) entwickelte schliesslich das Bild von «Daten als Teammitglied»: Modelle, die postoperative Infektionen teils Tage vor der klinischen Diagnose erkennen, dabei aber – wie ein gutes Teammitglied – fair, nachvollziehbar und korrigierbar bleiben müssen; föderiertes Lernen erlaube es, solche Modelle über Spitäler hinweg zu trainieren, ohne Patientendaten zu teilen. Zum Abschluss lenkte Minou Afzali den Blick auf die Rolle von Raum, Werkzeugen und Systemen für Vertrauen und Zusammenarbeit.
Fachliche Einordnung von Guido Beldi
«Spitzenmedizin entsteht nicht allein durch technische Exzellenz, sondern durch Teams, die unter Druck verlässlich zusammenarbeiten. Patientensicherheit beginnt nicht erst beim Fehler, sondern bei Kommunikation, Rollenklärung und gemeinsamer Verantwortung.»
Für Guido Beldi ist die Botschaft des Kongresses eindeutig: Vertrauen und psychologische Sicherheit sind im OP wesentliche Voraussetzungen für Qualität und Patientensicherheit. «Unser Anspruch ist nicht nur, über Sicherheit zu sprechen, sondern Erkenntnisse in den klinischen Alltag zu übersetzen», sagt er. Das Thema reiche dabei weit über die Chirurgie hinaus und sei für das gesamte Gesundheitswesen relevant.
Aus Beldis Sicht haben sich drei Punkte besonders deutlich gezeigt:
- Patientensicherheit ist mehr als Fehlervermeidung. Sie beginnt bei Kommunikation, geklärten Rollen und gemeinsamer Verantwortung.
- Gute Teamleistung im OP ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von Training, Struktur und Führung.
- Wer Qualität nachhaltig verbessern will, muss Erkenntnisse konsequent in den klinischen Alltag übersetzen.
So verstanden, endet die Diskussion über Vertrauen, Sicherheit und Teamleistung nicht mit dem Kongress – sie gehört in den Alltag. Oder, wie es das Leitmotiv der Tagung auf den Punkt bringt: Wenn wir über sichere Spitzenmedizin sprechen, sprechen wir immer auch über Vertrauen, Teamarbeit und Verantwortung im System.
Auf einen Blick
| Anlass |
Erster internationaler «Trusted Surgery»-Kongress – «Leading Teams to Excellence in the Operating Room» |
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| Datum |
Dienstag, 26. Mai 2026, 08.15–17.00 Uhr 80 Teilnehmende vor Ort 45 Teilnehmende online |
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| Ort |
sitem-insel, Freiburgstrasse 3, 3010 Bern (gegenüber dem Inselspital) – sowie online via Livestream |
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| Initiant |
Prof. Dr. med. Guido Beldi |
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| Referierende |
14 Fachleute aus der Schweiz, den USA, Grossbritannien, und Deutschland |
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| Partner |
SNF, Insel Gruppe, Universität Bern, Stiftung Patientensicherheit Schweiz, sitem-insel, Medtronic, B. Braun sowie Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW als Partnerin der StOP?-II-Studie |
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| Akkreditierung |
6 CME-Credits der Schweizerischen Gesellschaft für Chirurgie und der Schweizerischen Gesellschaft für Anästhesiologie und perioperative Medizin |
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| Grundlage |
Multizentrische, randomisiert-kontrollierte StOP?-II-Studie (gefördert durch den SNF) |
Weitere Informationen und Programm: trusted-surgery.org
Bilder von GALLUS MEDIA AG

